Ich heiße Anna. Mein Leben war meist sehr spannend, eigentlich nie langweilig und manchmal außerordentlich schwierig. Dennoch gehöre ich zu den Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ich bin 1983 geboren und musste zum Glück nicht lange auf meine Geschwister warten. Sie waren immer meine treuesten Begleiter, damals genauso wie heute.

Kaum konnte ich laufen, begann ich zu turnen und seit ich denken kann, ist die Halle mein zweites Zuhause. Mit 13 wechselte ich dann die „Location“ und begann ins Wasser hineinzuturnen. Kunstspringen. Turmspringen. Immer höher. Und doch nicht hoch genug. Bis mich das Schicksal nach Jamaika führte, wo sich mir zum ersten Mal die Chance bot, mich vom schroffen Gestein in wilde Fluten zu stürzen. Nach einem Stunt von der Touristenplattform luden mich die Einheimischen ein, mit ihnen auf der gegenüberliegenden Seite des Felsens zu springen. Gemeinsam übten wir bis die Sonne unterging, stets bemüht, die anderen durch die spektakulärsten Salti und Schraubendrehungen zu beeindrucken. Seitdem hat sich einiges geändert, doch ich erinnere mich noch genau an die wunderschönen Worte, die mir einer von ihnen zum Abschied sagte. Milady, it was an honour to dive with you…
Schon damals verliebte ich mich in die kahlen Felswände, die atemberaubende Höhe, den Wind und das eisige Wasser- in einen Moment ungewöhnlicher Lebendigkeit.


Dennoch ist es nicht das Allerwichtigste in meinem Leben. Ich bin unendlich dankbar, für die Menschen, die meinen Weg kreuzten, im Alltag, oder auf meinen Reisen. Die jamaikanischen Springer. Oder eine sehr alte Frau aus Bangladesh, die für mich betete, ich möge doch endlich einen Mann finden. Ein Fischer an der Karibikküste, der seine Gedanken mit mir teilt. Deswegen studiere ich Sprachen. Sie erlauben es mir, einen Blick jenseits meines Horizonts zu werfen, in eine andere Welt zu tauchen.
Wherever I leave my hat is my home. Von wem stammen diese schönen Zeilen?

Eine Zeit lang hatte ich eine kleine Statistenrolle am Mainzer Staatstheater. Das habe ich genossen und auch mein Leben als solches war damals angenehm normal. Bis ich gänzlich unerwartet in unangenehme Konfrontationen stolperte, in Orientierungslosigkeit und Verluste. Um nicht in meiner Verzweiflung zu ertrinken, beschloss ich, die Perspektive zu wechseln und nach Madrid zu gehen.

Dort gestaltete sich das Leben überraschend anders, jedoch nicht unbedingt leichter und ich spielte wieder Theater, diesmal in den Fußgängerzonen, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kam wieder auf die Beine, fand mich selbst und Vieles mehr, doch gleichzeitig verlor ich meine erste große Liebe, die ich mit meinem alten Leben zurücklassen musste. Das eine für das andere.


Dann kehrte ich zurück. Im Herbst des folgenden Jahres begegnete ich bei einem Trainingslager in Florida Hurricane Wilma. Sie war ziemlich wütend, riß Bäume aus, schob Autos übereinander, und wieder kam ich ungeschoren davon. Letztes Jahr reiste ich im Rahmen meines Studiums in die Dominikanische Republik. Und geriet in eine Schießerei.


Die Erinnerungen an solche Momente lassen mich ehrfürchtig erzittern. Ich bin sehr dankbar für mein privilegiertes Leben. Für die, die mich so sehr lieben, dass ich es niemals zurückgeben kann. Für Tränen und Freude, die mir gewidmet ist. Für die Seelen, die meinen Weg kreuzten, um mich etwas zu lehren. Und für jene, die mich lange Wege begleiten und meine Eigenarten ertragen. Und ich glaube, Patrice hat Recht.

Every day is good because of being alive, alive, yeah.